24-Stunden-Wanderung durch die Dolomiten

mit Extrembergsteiger Hans Kammerlander

  • Aufstieg zum Strudelkopf

Mein langgehegter Wunsch, mit dem Südtiroler Extrembergsteiger Hans Kammerlander eine gemeinsame Tour zu gehen, wird nun Realität. Die Erfahrungen aus den beiden 100 Kilometer langen Wanderungen der Saale-Horizontale geben das nötige Selbstvertrauen, diese Herausforderung zu meistern. Es sind natürlich in den Dolomiten andere Bedingungen als im heimischen Saaleland, aber die Grundkondition ist vorhanden, der Rest ist reine Kopfsache.

Vorbereitungs-Wanderung im Thüringer Holzland

Ich plane zur Vorbereitung am Wochenende eine acht Stunden lange 36 Kilometer-Tour durch unser Thüringer Holzland. Diese gelingt mir bei idealen Witterungsbedingungen und der Mitnahme von etwas Verpflegung und zwei großen Wasserflaschen auch ganz gut. Ich komme mit einmaligem Sockenwechsel auf der halben Strecke blasenfrei durch. Dennoch brennen auf den letzten Kilometern die Füße etwas. Die Kondition passt soweit. In den Dolomiten wird es allerdings die dreifache Dauer bei ähnlicher Kilometeranzahl sein. Entscheidender sind aber die Höhenmeter. Bei der heutigen Wanderung kommen insgesamt 1.100 Kilometer zusammen, zur 24-Stunden-Wanderung sind es 3.000 bis 4.000. Ich bin guter Dinge, diese Tour gut meistern zu können. Ein gewisser Respekt bleibt jedoch, besonders in Anbetracht der nächtlichen Stunden.

Die Wanderung in den Dolomiten

Die Nacht ist schlaflos. Ich weiß nicht warum. Ist die innerliche Aufregung so groß, dass ich einfach nicht zur Ruhe komme? Etwas besorgt denke ich an die kommenden 40 Stunden, bei denen ich auch nicht schlafen kann. Ich werde tagsüber versuchen, vor der langen Tour etwas zu ruhen. Das Frühstück ist wie immer sehr gut, alles da was das Herz begehrt. Morgen früh um diese Zeit werde ich irgendwo auf einer Berghütte frühstücken. Dies muss aber nicht schlechter sein.

Gegen Mittag wird der Rucksack gepackt. Lange überlege ich noch, ob ich die hohen schweren Bergschuhe oder eher die leichten Wanderschuhe anziehe. Beides hat natürlich Vor- und Nachteile. Sepp, der nicht nur Koch, sondern auch Bergführer ist und mit Hans Kammerlander die Gruppen durch die Berge führt, hat mir zu den hohen Schuhen geraten. Dennoch entscheide ich mich für die leichtere Variante. In den Rucksack kommt nur das Notwendigste. Er ist daher auch relativ leicht. Die Füße beklebe ich an den bekannten Schwachstellen mit Blasenpflaster. So sollte nichts passieren.

Kurz vor 15:00 Uhr treffen wir im Kammerlander Büro ein, dass nur wenige Hundert Meter vom Hotel entfernt ist. Wir werden bereits freudig erwartet. Hans ist auch da. Die anderen beiden Bergführer überreichen uns schon mal eine Tasche mit den wichtigsten Utensilien. Das Kammerlander-T-Shirt gehört genauso zur Ausrüstung wie Kugelschreiben, Sticker und hochwertige Teleskop-Stöcke. Ich nutze aber auf der Wanderung meine Altbewährten, auch wenn diese schon 22 Jahre alt sind. Erstmals habe ich diese zur Besteigung des Kilimanjaros im Einsatz gehabt. Auch auf zahllosen anderen Bergtouren, wie beispielsweise auf den Besteigungen des Großglockners, Großvenedigers, der Rötspitze oder beim Romedius Pilgerweg über die Alpen haben sie mir über die vielen Jahre gute Dienste erwiesen. Dafür hat auch Hans Verständnis. Wir signieren uns gegenseitig unsere Bücher und freuen uns auf eine schöne Wanderung. Das Gespräch mit ihm ist sehr angenehm. Er strahlt eine ungeheure Sympathie und Ruhe aus. Ich zeige ihm auch meine Wanderschuhe, mit denen ich die Tour beschreiten will. Er sagt, dass diese völlig ausreichen, da es voraussichtlich weitestgehend trocken bleiben wird. Da bin ich erst einmal beruhigt. Auch er wird nur mit leichtem Schuhwerk unterwegs sein.

Mittlerweile füllt sich das Büro mit den anderen Mitstreitern. Wir warten daher unten vor dem Gebäude auf die Abfahrt zum Startort in den Dolomiten. Hier haben sich bereits viele Wanderer versammelt. Wir machen uns alle kurz bekannt. Es ist eine gemischte Gruppe vermutlich zwischen 17 und 70. Mehrheitlich sind jedoch Männer dabei. Die meisten kommen aus dem süddeutschen Raum. Es sind auch Thüringer und Sachsen dabei. Die weiteste Anreise hatte wohl Frank aus Flensburg mit 1.200 km. Er ist das zweite Mal dabei. Auf seiner ersten Tour vor zwei Jahren war die Tour bereits nach 18 Stunden wegen anhaltendem Starkregen mit Gewittern vorbei. Das bleibt uns hoffentlich diesmal erspart.

Es ist mittlerweile kurz vor 16:00 Uhr. Unsere Gruppe geht langsam zur Abfahrtsstelle. Hier begrüßt uns Hans nochmal offiziell und gibt uns die ersten Hinweise. Leider ist die Geräuschkulisse an der Straße so hoch, dass man nur wenig versteht. Im Bus ist die Verständigung natürlich deutlich besser. Er erklärt uns den Tourverlauf und erzählt einiges aus seinem Bergsteigerleben und wie alles begann. Er ist als kleiner Junge einem Touristenpaar auf den etwas über 3.000 Meter hohen Moosstock-Gipfel gefolgt und war überwältigt von der Aussicht. Das war der entscheidende Moment für den Beginn seiner unvergleichlichen Bergsteiger-Karriere. Gemeinsame Touren mit Reinhold Messner auf die 8.000er im Himalaya, die sensationelle Skiabfahrt vom Everest oder die Tragik vom Manaslu, das alles sind Geschichten, bei dem man ihm sehr gut zuhören kann, hat er doch eine beruhigende und besonders angenehme Stimme. Seine Berichte werden kurzzeitig unterbrochen von einem Telefonat von Hartmann Seeber. Er ist sein Fotograf und hat den Bus verpasst. Wir warten ein paar Minuten auf ihn, wird er doch die ganze Tour fotografisch und videotechnisch dokumentieren. Wir fahren etwa eine reichliche Stunde über Bruneck die Hochpustertalstraße bis Toblach und dann hinein in die Dolomiten. Nahe Schluderbach am Drei-Zinnen-Blick ist die Fahrt zu Ende.

Es ist kurz vor 17:30 Uhr. Der Blick auf die Dolomiten ist frei. Die Wolken lassen die 3 Zinnen im schönsten Licht erscheinen. Die Gruppe setzt sich nun in einer langen Schlange langsam in Bewegung. 24 Stunden und über 3.000 Höhenmeter auf etwa 40 Kilometern stehen uns nun bevor. Hans sagt, es können je nach Bedingungen auch 26 oder nur 22 Stunden werden. So genau kann das niemand im Voraus sagen. Der Start erfolgt auf 1.600 Meter Höhe. Das erste große Ziel ist der 2.305 Meter hohe Strudelkopf. Zum Einstieg sind 700 Höhenmeter eine ordentliche Ansage. Hans will damit offenbar die Leistungsfähigkeit der Gruppe testen. Für mich ist dieser Höhenunterschied kein Problem, haben wir doch im Vorfeld schon ein paar schöne und anspruchsvolle Touren absolviert. Mir geht es eher zu langsam vorwärts. So ist immer wieder Zeit für Fotos. Die Gelegenheit wird beim Aufstieg genutzt für Bekanntmachungen untereinander. So erfährt man oft einige Geschichten von deren Herkunft, Hobbies und dergleichen. Es dauert auch nicht lange, da bleibt ein Wanderer weit zurück. Er hat offenbar Knieprobleme. Da er aber schon bei solchen Touren oft dabei war, müssten ihm eigentlich die Anforderungen bekannt sein. Hans und der andere Bergführer bilden den Schluss. Später erfahren wir, dass der Mann schon vor dem ersten Gipfel aufgegeben hatte und an der Hütte an der Plätzwiese abgeholt wurde.

Der schmale Weg führt permanent ansteigend nach oben. Der Strudelkopf ist noch lange nicht in Sicht, im Gegenteil. Es geht zeitweise bergab, um dann wieder stärker ansteigend an Höhe zu gewinnen. Manche Wegabschnitte sind mit Seilen und Ketten gesichert. Holzstege führen ab und zu über besonders brisante Stellen. Die Baumgrenze ist hier bei über 2.000 Metern relativ hoch. Mittendrin versucht Hartmann immer wieder Fotos und Videos von der Gruppe zu machen. Dafür überholt er die Wanderer und läuft wieder zurück. So bekommt er noch mehr Kilometer und Höhenmeter auf den Zähler. Das ist er aber gewohnt, begleitet er doch Hans auf vielen seiner weltweiten Expeditionen.

Jetzt haben wir den Wald hinter uns gelassen. Der Blick wird freier und der Weg breiter. Der Strudelkopf kommt endlich in Sichtweite. Es eröffnet sich ein gigantisches Panorama. Die Bergketten der Dolomiten erscheinen in den Abendstunden in einem ganz besonderen Licht. So können die schönsten Fotos entstehen. Es stürmt hier oben auch kräftig. Es ist Zeit die Jacken überzuziehen. Bisher reicht beim Aufstieg das T-Shirt. Plötzlich ertönt ein starkes Summen, klingt wie ein großer Bienenschwarm. Das ist aber in dieser Höhe eher unwahrscheinlich. Hartmann hat zu unserer Überraschung seine Drohne am Gipfel positioniert. So gelingen ihm die besten Fotos. Auch ein Gruppenbild hat er in seiner Planung, einfach perfekt. Eigene Fotos am und mit dem Gipfelkreuz sind ebenso beliebte Motive. Vor dieser atemberaubenden Kulisse könnte man ewig verweilen.

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